Studieren mit Kind

- Ergebnisse einer Befragung aller Studierender der Humboldt-Universität zu Berlin -

bearbeitet von Gunnar Stark

herausgegeben vom Referat Studieren mit Kind
in Zusammenarbeit mit der Frauenbeauftragten der Humboldt-Universität zu Berlin

Berlin 2004

Studieren mit Kind
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Kurzbeschreibung

1.179 Ende des Jahres 2002 zurückgesandte, gültige Fragebögen flossen in die Auswertung ein. Die Ergebnisse: im Vergleich zum gesamtdeutschen Durchschnitt (ca. 6,7% laut 16. Sozialerhebung des DSW, 2000) ist der Anteil Studierender mit Kind(ern) an der HU mit ca. 10% überproportional hoch. Davon fast 70 % stimmen der Aussage, es sei Aufgabe der Hochschulen, Kinderbetreuungsangebote zur Verfügung zu stellen, ohne Einschränkung zu. Die über 60 Seiten starke Studie ist auch in gedruckter Form über das StuKi-Referat erhältlich (Kontakt). Die Umfrageveröffentlichung soll in Verbindung mit dem Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen beim BMFSFJ "Elternschaft und Ausbildung" eine neue Diskussion um die bessere Vereinbarkeit von Elternschaft und Studium anstoßen.

Aus dem Vorwort des Referats Studieren mit Kind

"Die Situation studierender Eltern unterscheidet sich im Alltag stark von der kinderloser Studentinnen und Studenten. Straffe Organisation, enge Zeitpläne – ständig in Gefahr, wegen Krankheit eines Kindes durchkreuzt zu werden; ganze Vormittage auf Sozial- und Wohnungsämtern, das Bedürfnis, sich trotz Lern- und Prüfungsstress seinem Kind zu widmen. Die Abhängigkeit von Kinderbetreuungseinrichtungen ist hoch. Je nach individueller Situation ist die Beeinträchtigung des Studiums durch Elternschaft unterschiedlich stark, Alleinerziehende und Eltern von zwei oder mehr Kindern sind am meisten betroffen. Ungefähr ein Viertel der Studierenden mit Kindern sind alleinerziehend.

Vor diesem Hintergrund war es erklärtes Ziel der im Folgenden ausgewerteten Umfrage, Wege zu suchen, wie die Situation studierender Eltern verbessert werden kann. Da wir bei Studierenden mit Kindern in erster Linie von Frauen sprechen, spielt dies auch aus frauenpolitischer Sicht eine entscheidende Rolle.

Ein zentraler Punkt der Umfrage ist die Ermittlung des besonderen Bedarfs studierender Eltern bei der Kinderbetreuung. Zusammenfassend belegen die vorliegenden Zahlen deutlich, dass universitäre Betreuungseinrichtungen in erster Linie auf kleine Kinder ausgerichtet sein sollten, da etwas mehr als die Hälfte der Kinder Studierender nicht älter als 3 Jahre und ein weiteres Fünftel zwischen 4 und 6 Jahre alt ist. Sie bilden damit die wichtigste, wenn auch nicht alleinige Zielgruppe für ein Betreuungsangebot, das auf die speziellen Anforderungen von Studierenden mit Kindern zugeschnitten ist. Neben den üblichen Kitaöffnungszeiten tagsüber liegt der von fast zwei Drittel der Befragten angegebene Betreuungsbedarf im Zeitraum 15.00 bis 18.00 Uhr und immerhin noch von über 20 Prozent der Befragten im Zeitraum 18.00 bis 21.00 Uhr.

Das Angebot an kommunalen und universitären (HU-eigene Kita in der Habersaathstraße) Kinderbetreuungs- einrichtungen ist nur begrenzt auf die Bedürfnisse studierender Eltern zugeschnitten und strukturell verbesserungsfähig. Der gesetzliche Anspruch auf einen Kitaplatz besteht erst ab dem Mindestalter von drei Jahren, die Abdeckung des Betreuungsbedarfs jüngerer Kinder bei den kommunalen Kindertagesstätten gestaltet sich eher schwierig. Überdies schließen die meisten Kitas zwischen 16.00 und 17.00 Uhr, was sich denkbar schlecht mit den Veranstaltungszeiten und den gewünschten Betreuungszeiten vereinbaren lässt.

Die Forderung studierender Eltern nach bedarfsgerechten, universitären Betreuungsangeboten ist nicht neu. Bereits Ende 1993 entstand im Rahmen des damaligen Streikes die „AG Studieren mit Kind“. Aufgrund ihrer Initiative wurde in Zusammenarbeit mit dem damaligen Kanzler und der zentralen Frauenbeauftragten 1995 der Kinderladen „Die Humbolde“ gegründet, der seitdem von der HU unterstützt und finanziert wird. Der Kinderladen bietet qualifizierte und kostengünstige Kinderbetreuung in den Nachmittags- und Abendstunden bis 20.30 Uhr und wird als Ergänzung zu den kommunalen Kitas dankbar angenommen. Er ermöglicht im Übrigen die Aufnahme von Kindern ab einem Jahr. Mit zehn Plätzen kann der Kinderladen den Bedarf an Betreuung allerdings nur für einen kleinen Teil der Studierenden abdecken.

(...) Die Umfrageergebnisse zielen konsequent in die Richtung, dass es sich bei den bestehenden Projekten nur um den Anfang eines Prozesses handeln kann, der die Forderungen studierender Eltern berücksichtigt und angemessene Rahmenbedingungen schafft, um die Mehrbelastung durch die Verbindung aus Studium und Elternschaft ausgleichen zu können. Dass hier ganz klar die Hochschulen gefordert sind, sollte sich aus den speziellen Anforderungen Studierender an die Betreuung ihrer Kinder ergeben. Es sollte selbstverständlich sein, dass es sich bei der Kinderbetreuung nicht um ein Privatproblem der studierenden Eltern handelt, sondern um eine familienpolitische und angesichts aktueller Diskussionen auch um eine hochschulpolitische Aufgabe, Hochschulbildung und Elternschaft vereinbar zu machen. Diese Haltung spiegelt sich auch in den Ergebnissen der vorliegenden Umfrage wieder: fast 70 % aller Befragten stimmten der Aussage voll zu, es sei Aufgabe der Hochschule, Betreuungsangebote zur Verfügung zu stellen.

Durch eine auf ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnittene Kinderbetreuung kann mehr Studierenden mit Kindern die Aufnahme oder schnelle Fortsetzung eines Studiums nach der Elternzeit ermöglicht bzw. erleichtert werden. Gerade für Eltern ist der erfolgreiche Studienverlauf und -abschluss wichtig, da insbesondere sie eine sichere finanzielle Perspektive brauchen. Darüber hinaus kann eine campusnahe, optimale Kinderbetreuung auch Einsparpotentiale im Hinblick auf die Studiendauer bieten – darauf wird in der folgenden Veröffentlichung ebenfalls explizit eingegangen: hochgerechnet würden Studierende mit Kindern nach eigener Einschätzung bei optimaler Kinderbetreuung durchschnittlich bis zu neun Stunden pro Woche mehr Zeit für ihr Studium aufbringen können.

An dieser Stelle muss der besondere Bedarf Alleinerziehender noch einmal betont werden. Und auch Eltern mit ihrem ersten Kind müssen erst individuelle Netzwerke zur Kinderbetreuung entwickeln; dabei könnte ihnen eine hochschuleigene Betreuungseinrichtung einige Anfangsschwierigkeiten nehmen. Wichtig wäre insgesamt ein neues Konzept, das weitere Betreuungsplätze beinhaltet – nicht in Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den kommunalen Kitas – mit angemessenen Öffnungszeiten und mit besonderer Rücksicht auf die Altersstruktur der Kinder von Studierenden.

Wir hoffen, dass wir durch die vorliegende Studie die Diskussion um eine studienbegleitende Kinderbetreuung nicht nur an der Humboldt-Universität, sondern in der gesamten Hochschullandschaft anregen und bereichern können und laden alle Interessierten daher herzlich dazu ein, mit uns in direkten Kontakt zu treten, um gemeinsam nach Perspektiven zu suchen."

 
RefRat
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